In Erinnerung an meine Mutter


Meine Abdankungsrede für Mami am 6. Mai 2025

Herr, es ist Zeit. Der Sommer war sehr gross.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren lass die Winde los.

Das Gedicht Herbsttag von Rainer Maria Rilke aus dem Jahr 1902, wie es auch auf der Todesanzeige stand, handelt vom Finden oder Verfehlen einer erfüllten Lebensweise. Das hatte für meine Mutter eine ganz besondere Bedeutung. 

Ihr Lebensmotto war es nämlich, dass man Dinge oder Reisen, die man gerne machen würde, niemals auf später aufschieben sollte. Denn es könnte plötzlich einmal zu spät sein. 

Oder in Rilkes Worten zu Beginn der dritten Strophe des Gedichts:

Wer jetzt kein Haus gebaut hat, baut keines mehr.

Geprägt hat meine Mutter der frühe Tod ihres geliebten Vaters Gottlieb Hedinger. Ihre Mutter Ida habe immer wieder davon gesprochen, was sie alles mit ihrem Godi unternehmen würde, nach seiner Pensionierung. Dazu ist es aber nie gekommen: Godi erlitt an Auffahrt 1964 im Alter von 59 Jahren auf einem Spaziergang in Spanien einen Herzinfarkt. Er war Heizungsmonteur und immer wieder im Ausland auf Montage.

Reisen 

Das Reisen war für meine Mutter eine Leidenschaft, die sie mit Roger teilte und voll auslebte. Während ihrer gemeinsamen Zeit haben die beiden verschiedenste Länder in aller Welt bereist. Mitte der 1990er-Jahre, nachdem meine Schwester und ich von zu Hause ausgezogen waren, unternahmen meine Eltern eine Weltreise, westwärts um den Globus herum, unter anderem mit Stationen auf Hawaii und Fidji. Im Frühling 1998 reisten sie wieder einmal in den Südwesten der USA*, zu den verschiedenen Wüstenlandschaften in der Region. Mit ihrer kargen Schönheit, den imposanten Kakteen und den prächtigen Blüten hatten es diese meiner Mutter besonders angetan. 

Im Herbst 2000 flogen meine Eltern ein weiteres Mal in den Südwesten der USA. Meine Mutter wollte unbedingt noch einmal in die Wüste. Denn kurz nach ihrer Wüsten-Reise wurde bei ihr 1998 eine sehr aggressive Form von Brustkrebs diagnostiziert und sie musste eine intensive Chemotherapie im Kantonsspital Aarau durchmachen. Damals war überhaupt nicht klar, ob sie den Krebs überwinden würde.

Nach dieser ihrer letzten Reise nach Nordamerika sagte meine Mutter immer wieder zu uns, dass sie nun alles gesehen habe, was sie sehen wollte und dass sie in Ruhe sterben könnte, wenn es denn sein müsste. Glücklicherweise waren es aber noch weitere 25 Jahre, in denen meine Eltern dann vor allem wieder in Europa herumreisten. 

Meine Mutter hatte vor allem Freude an malerischen Landschaften, an den Blumen und der Tierwelt in anderen Ländern. 

Ganz besonders liebte sie Bären. Doch leider hatte sie nie das Glück, einen in freier Wildbahn während ihrer Reisen in Kanada oder in den USA zu begegnen. Dafür hatte sie über die Jahre hinweg einige Stoffbären zu Hause in Magden angesammelt, die ihr alle sehr viel bedeuteten.

Aussenwelten

Aber es musste nicht immer die grosse weite Welt sein. Ganz im Gegenteil: Meine Mutter war genau so gerne in ihrem Haus in Magden, mit dem Naturgarten und mit Blick auf den nahegelegenen Wald. Sie betonte immer wieder, wie schön es doch zu Hause sei. Dort fühlte sie sich wohl und glücklich.

Am 6. März dieses Jahres feierten meine Eltern ihre diamantene Hochzeit. Weil das Datum auf einen Donnerstag fiel, versammelte sich die ganze Familie am darauffolgenden Sonntag in Magden, um diesen grossen Tag gebührend zu feiern. Vor dem grossen Festtagsessen, das meine Schwester Brigitte mit ihrem Sohn Cédric in Anlehnung an das Originalessen im Restaurant damals liebevoll zubereitet hatten, standen meine Mutter und ich am Gartentor, neben dem Hauseingang. Wir schauten auf die violetten, weissen und gelben Krokusse und Schneeglöckchen, die verstreut und wild durcheinander aus dem vermoosten, ehemaligen Rasen heraus blühten. Ich fragte meine Mutter, ob sie diese Blumen so schön arrangiert hätte. Sie meinte Nein, und sagte, sie habe vielleicht einmal die einen oder anderen Krokusse in den Rasen gesetzt. Den Rest hat die Natur besorgt.

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Die vielfarbigen Krokusse und Schneeglöckchen im Garten meiner Mutter am 9. März 2025

Der Garten war ein wertvoller Anknüpfungspunkt. In den letzten Jahren hatte ich es mir zur Angewohnheit gemacht, in den Garten zu gehen, jedes Mal, wenn ich bei meinen Eltern zu Besuch war. Zum einen, weil es mich wundernahm, was jeweils so wuchs und blühte. Zum anderen, weil ich wusste, wie wichtig meiner Mutter ihr Garten war und weil sie mir jeweils dorthin folgte. Dort ergaben sich kleine, einfache Gespräche in alter Vertrautheit, über den Garten, die schönen Blumen, den Teich oder die Vögel, die den Garten besuchten. 

Innenwelten

In den letzten vier Zeilen von Herbsttag schreibt Rilke indirekt über die Einsamkeit respektive über ein nach innen gewandtes Leben.

Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben. 

Auch diese Zeilen passen von ihrer Anmutung her zum letzten Lebensabschnitt meiner Mutter. 

Ihr fiel es nämlich zunehmend schwer, ihre Gedanken, Gefühle oder Bedürfnisse für uns Aussenstehende nachvollziehbar auszudrücken. Ihre fortschreitende Demenz verschüttete den Zugang zu den passenden Wörtern. 

Meine Mutter nahm sich auch zunehmend aus unseren traditionellen Gesprächen und Diskussionen über den Mittagstisch heraus. Vermutlich war es recht anstrengend für sie, unseren Ausführungen zu folgen. 

Wenn sie sich dann überraschenderweise doch in das Gespräch eingab, schimmerten das Wesen und die Werte meiner Mutter wie ich sie kannte wieder durch. Blühten für kurze Zeit auf, wie die vergänglichen, leuchtenden Blüten der Wildtulpen in der Wüste, kurz nach dem Regen.

Das passierte vor allem dann, wenn wir über Dinge oder Ereignisse sprachen, die meine Mutter stark berührten, weil sie ihr sehr am Herzen lagen. Und das waren seit jeher: die Familie, die Natur, soziale Gerechtigkeit oder Respekt. Ihr moralischer Kompass war, wie auch ihr Sinn für Humor, bis zum Schluss unerschütterlich. 

Mariposa Lily (Mormonentulpen) in der Wüste von Arizona 1998

In memoriam
Elisabeth Martha Baumgartner-Hedinger

2. Juli 1942 – 20. April 2025

Leidzirkular mit dem Gedicht in voller Länge

Todeszanzeige mit den ersten drei Zeilen des Gedichts

Korrigierte Version vom 11. Mai 2025

* Wie mein Vater mich im Nachhinein korrigierte, reisten Mami und er 1987 erstmals in den Südwesten der USA – und nicht 1998.


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